Lehrplan PLUS

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Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München

Ergänzende Informationen zum Lernbereich „Jesus, der Christus – Leben, Leiden, Tod und Auferstehung“

Grundschule: Katholische Religionslehre 3/4

Erläuterung_GS_3-4_LB8

Religionspädagogisches Zentrum in BayernJahrgangsstufe 3/4 Theologische Grundlegung zum Lernbereich 8Jesus der Christus – Leben, Leiden, Tod und AuferstehungDie Erläuterungen zum Lernbereich in der 3./4. Jahrgangsstufe bauen auf den Ausführungen zur 1./2. Jahrgangsstufe auf.Dieser 8. Lernbereich schließt an den 7. Lernbereich der 1./2. Jgst. an, so dass die Ausführun-gen dazu hier nicht mehr wiederholt werden müssen. Was in der 3./4. Jgst. darüber hinaus-geht, sind insbesondere die Fragen nach dem Umgang des Menschen mit dem eigenen Leid und Tod sowie die individuelle Hoffnung über den Tod hinaus. Leid und Tod sind Wirklich-keiten, denen in dieser Welt niemand ausweichen kann. Deswegen sollen auch Kinder von den täglichen Nachrichten über Naturkatastrophen und die Folgen menschlichen Fehlverhal-tens nicht grundsätzlich ferngehalten werden, wenngleich man ihnen nicht die ganze Wucht der Details zuzumuten braucht. Dazu ist es wichtig, dass sie lernen, sich einzufühlen in die Leiderfahrungen anderer Menschen. Auch Kinder machen in ihrem Alltag Erfahrungen mit Leid und Tod, und sei es nur der Tod eines geliebten Haustieres. Man weiß, dass sich Kinder bereits im Alter von 3-4 Jahren um das Leben der Eltern ängstigen und diese Angst in ihren nächtlichen Träumen mehr oder weniger dramatisch erleben. Im Inhaltsblock des Lernbe-reichs wird die Frage nach dem Sinn von Leid und Tod aufgeworfen. Die bloße Warum-Frage nach dem Sinn von Leid führt freilich ins Dilemma, denn würden wir diesen Sinn ken-nen, so wäre dem Leid die Spitze genommen. Auch als Christen können wir nicht sagen, dies oder das sei der Sinn des Leidens. Leiden heißt eben gerade, mit der erfahrenen Sinnlosigkeit umzugehen. GEORG BÜCHNER bezeichnet in „Dantons Tod“ das Leid als den „Fels des Atheis-mus“, denn es mache einen „Riss durch die Schöpfung“. Deswegen muss eine Seelsorge scheitern, die den Leidenden den Sinn ihres Schicksals erklären will. Im Buch Ijob wird uns anschaulich vor Augen geführt, dass die gut gemeinten Deutungsversuche der Freunde nichts fruchten – im Gegenteil: sie stoßen damit Ijob noch tiefer in seinen Schmerz. Der Schlüssel zur Leidbewältigung liegt nicht im Erklären seiner Ursachen, sondern in menschli-cher Nähe und Empathie, die man den Leidenden entgegenbringt. Der Trost liegt nicht in Worten, sondern in gefühlter Solidarität. Wenn wir über das Leid nachdenken, gilt es zweierlei zu unterscheiden: einmal das Leid, das von Menschen verursacht ist – die philosophische Ethik nennt es „moralisches Übel“ – und dann das Leid, das durch die Vorkommnisse in der Natur verursacht ist – genannt „physisches Übel“. Zwischen beiden kann man nicht immer eine glatte Trennungslinie ziehen, denn Naturkatastrophen oder Krankheiten können auch durch umweltschädigendes Verhalten des Menschen verursacht worden sein. Für KARL RAH-NER ist die Unbegreiflichkeit des Leides ein Stück der Unbegreiflichkeit Gottes. Die Frage nach dem Sinn des Leidens erhält nach der fabrikmäßigen Menschenvernichtung durch die Natio-nalsozialisten im 20. Jh. noch einmal eine ganz neue kritische Brisanz; sie kann im Grunde nun überhaupt nicht mehr gestellt werden. Der jüdische Philosoph HANS JONAS, der sich mit dem Gottesbegriff nach Auschwitz auseinandergesetzt hat, gibt sich nicht zufrieden mit der Idee von einer gänzlichen Unerforschlichkeit Gottes. Indem Gott in der Schöpfung menschliche Freiheit zugelassen hat, so JONAS, hat er selbst seiner Allmacht in einem Akt der Selbstentäu-ßerung entsagt. Dieser Gedanke korrespondiert übrigens im NT mit Phil 2,6.7. Damit erübrigt sich die Frage, ob der Sinn des Leides im Willen Gottes gesucht werden kann. Was für ein Gott könnte so etwas wie Auschwitz wollen? Die Frage nach dem Sinn des Leides führt in eine Sackgasse; auf diese Frage gibt es keine theoretische Antwort. Auch als Christen haben wir keine Antwort darauf, aber wir haben eine Grundlage, um das Leid zu ertragen. Im Glauben wissen wir, dass Gott im gekreuzigten und auferstandenen Christus dem Leiden und dem Tod gewachsen ist. Es ist die Solidarität Gottes mit uns, die uns hoffen lässt, dass – entgegen al-lem Augenschein – Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Gott hebt das Leiden nicht auf, aber er ist uns im Leiden nahe. Vom Sinn des ertragenen Leidens kann ein Mensch vielleicht erst dann sprechen, wenn er ein Leiden überstanden hat, aber angesichts des Holocaust ist auch das nicht möglich. Wenn ein Mensch ein Leid überstanden hat, dann kann er vielleicht erzählen, dass es ihn reifer gemacht hat, feinfühliger und wacher für die Anderen. Das wäre dann ein Gewinn aus dem Leid. Aber er kann das immer nur im Rückblick tun und immer nur in Bezug auf seine eigene Person. Niemals kann ein Anderer einen Leidenden darüber beleh-ren. Was bringen nun diese Überlegungen konkret für den Religionsunterricht in der Grund-schule? Sie sind nicht dafür gedacht, dass sie unmittelbar Gegenstand des Unterrichts werden sollen, aber sie sollen Lehrerinnen und Lehrer davon abhalten, vor Kindern voreilige und un-ehrliche Antworten zu geben. Eine vorsichtige, zurückhaltende, stockende Sprache ist in je-dem Fall besser. Die Schülerinnen und Schüler dürfen spüren, dass auch die Erwachsenen mit dieser Frage nicht fertig sind, sondern damit leben müssen. Aber gerade in der Annäherung an die Passionserzählungen Jesu wird eine Auseinandersetzung mit dem Leiden möglich, das schon den Funken eines neuen Lebens in sich trägt. Die Passionsgeschichten sind alles andere als detaillierte Schilderungen einer besonders grausamen antiken Hinrichtungsart und damit auch Kindern zuzumuten. Sie zeigen, dass sich Jesus schon in seinem Leiden als der Herr erwiesen hat. Er wird vom Leiden nicht passiv überrollt, sondern nimmt es aktiv an. Die Einheit von Tod und Auferstehung Jesu ist der Rahmen, in dem Kinder auch über ihren eige-nen Tod nachdenken können. Das Nachdenken über Tod und Auferstehung ist aber nur ein Aspekt des Zugangs zu dieser Thematik. Ebenso wichtig ist für Kinder das Einüben in bildhaf-te Ausdrucksformen und Hoffnungsrituale, wie der Lehrplan sie vorsieht, denn wenn die Wor-te fehlen, kann das „heilige Spiel“, das Ritual, die Geste, das Symbol eintreten, um uns den Zugang zu einer größeren, einer in den Maßstäben der Welt nicht mehr fassbaren Wirklich-keit, existenziell zu ermöglichen. Sie machen das Unfassbare fassbar.Aus: Reil, Elisabeth: Theologischer Leitfaden zum Fachlehrplan Katholische Religionslehre Grundschule. In: Katholisches Schulkommissariat in Bayern (Hg.): Handreichung zum LehrplanPLUS, Katholische Religionslehre in der Grundschule, München 2015, S. 33-55.www.rpz-bayern.de/handreichung_zum_lehrplan_plus.html