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Katholische Religionslehre 1/2 Abschnitt zur PDF-Sammlung hinzufügen

Grundschule: Die Heilige Schrift – biblische Glaubenserfahrungen

Erläuterung zum Lernbereich: „Die Heilige Schrift – biblische Glaubenserfahrungen“

  • Erläuterung_GS_1-2_LB5

    Religionspädagogisches Zentrum in Bayern
    Jahrgangsstufe 1/2 Theologische Grundlegung zum Lernbereich 5
    Die Heilige Schrift – biblische Glaubenserfahrungen
    Mit diesem Lernbereich sollen die Schülerinnen und Schüler einen ersten Zugang zur Bibel erhalten und sie als Urkunde des Glaubens im Kontext ihrer historischen und geographischen Gegebenheiten wahrnehmen sowie als Bezugspunkt für die eigene Glaubenserfahrung wert-schätzen. Indem sie verschiedene Bibelausgaben vergleichen, sollen sie sich bewusst werden, dass die Geschichten, mit denen sie sich im Religionsunterricht beschäftigen, nur ein Aus-schnitt aus einem viel größeren Ganzen sind und dass es eine Lebensaufgabe ist, die ganze Bibel kennen zu lernen. Dass die Bibel aber nicht nur ein historisch und kulturgeschichtlich interessantes, sondern vor allem ein lebensbegleitendes Buch ist, wird exemplarisch an zwei Beispielen aus der Genesis gezeigt: Noach und Josef. Daran soll deutlich werden, auf welche Weise Gott für die Menschen da ist: indem er sie aus dem Chaos und der Gefahr herausführt, in die sie sich selbst verstrickt haben, und wie er ihnen trotzdem nahe bleibt und mit ihnen wieder neu beginnt. Dafür liefert die Geschichte vom Bund mit Noach ein großartiges Bild. Der Bund ist eine zentrale Kategorie der Bibel des gesamten AT und NT und somit von heils-geschichtlicher Relevanz.
    Die Erzählungen von Noach und Josef sind besonders wegen ihrer romanhaften literarischen Gestalt bei Kindern beliebt; außerdem lassen sie sich auch dramatisch eindrucksvoll gestalten. Aber gerade das stellt den Religionsunterricht vor große Herausforderungen. Das Problem dabei ist, dass die Schülerinnen und Schüler dieser Entwicklungsstufe mit ihrem unreflektier-ten artifizialistischen Weltbild die Texte noch nicht anders auffassen können als wörtlich. Hin-zu kommt, dass die menschlichen Kategorien von Gerechtigkeit unvermittelt auf Gott über-tragen werden, etwa in dem Sinn: Wenn Gott allmächtig ist, dann kann er alles machen; er kann machen, dass die Flut kommt und er kann machen, dass sie aufhört; er rettet die Guten und bestraft die Bösen. Das Problem verschärft sich dadurch, dass auch die alten biblischen Texte kulturgeschichtlich auf demselben Weltbild-Niveau angesiedelt sind wie das der Kinder. Ontogenese (Individualentwicklung) trifft auf Phylogenese (Menschheitsentwicklung). Eine metaphorische Verstehensweise steht Kindern in der 1./2. Jgst. noch nicht oder nur rudimen-tär zur Verfügung. Während sie in diesem Alter die Märchen durchaus schon als fiktive, aber schöne Geschichten akzeptieren, greift diese Erkenntnis bei biblischen Texten häufig wegen des artifizialistischen Gottesbildes noch nicht. Das kindliche Weltbild korrespondiert im Grun-de genommen mit dem, was man, wenn es bei Erwachsenen immer noch besteht, als funda-mentalistische Fixierung bezeichnet. Zugegebenermaßen kann dieses Dilemma nicht ohne weiteres aufgelöst werden. Ein erster, aber wichtiger Ansatz ist die Lehrersprache. Bei aller Gestaltungsfreude, die sich mit den biblischen Erzählungen verbindet, gilt es als Lehrkraft
    beim eigenen Sprachgebrauch darauf zu achten, die Texte nicht als Fakten, sondern als Über-lieferungen auszuweisen, die von Generation zu Generation weitererzählt worden sind. Es muss immer wieder bewusst ausgesprochen werden, dass die biblischen Schriftsteller mit ihren Geschichten sagen wollten: Gott interessiert sich für die Menschen, ihr Tun ist ihm nicht gleichgültig. Dazu haben sie viele Geschichten aus ihrer Umwelt herangezogen. Entscheidend ist, aus welcher Sicht die Lehrerinnen und Lehrer selbst die Erzählungen im Unterricht präsen-tieren. Unbewusst wird ihre Perspektive im Lauf der Zeit vom kindlichen Denken adaptiert. Dann kann mit der Sprache auch der Sinn in die Kinder hineinfließen, ohne dass die Sachver-halte ausdrücklich diskutiert werden. Das Sprachverhalten der Erwachsenen bestimmt we-sentlich das Gottes- und Weltverständnis der Kinder mit. Pädagogische Ungeduld ist hier nicht zielführend. Die Kinder bestimmen immer selbst den Zeitpunkt, an dem sie weiterfra-gen, z. B. wenn ihnen Zweifel kommen an der Faktizität von Geschichten. Allmählich lernen sie, dass die Wirklichkeit mehr ist als eine Ansammlung von empirischen Tatsachen und dass unter der referenziellen Oberfläche eines Textes noch eine andere, eine Sinn-Schicht, verbor-gen ist. Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer ist es, zur rechten Zeit Rede und Antwort zu ste-hen.
    Entstehungsgeschichtlich ist davon auszugehen, dass die Noach-Erzählung auf alte Flut-Mythen aus Mesopotamien zurückgeht, den altbabylonischen Antra(m)hasis-Mythos (um 1800 v. Chr.) und das Gilgamesch-Epos (ca. 1200 v. Chr.). Sie wurden von den biblischen Ver-fassern in die Tora eingearbeitet und gleichzeitig theologisch bearbeitet. Die Bibelwissenschaft geht heute davon aus, dass die Fluterzählung bereits die Gerichtsaussagen der Propheten voraussetzen – Verderbtheit des Menschen, Katastrophe und Neuanfang durch den Bund Gottes mit den Menschen – und dass sie daher nicht vor dem 8./7. Jh. v. Chr. entstanden sein können.
    Die Josefsgeschichte ist eine Novelle aus dem 8. Jh. v. Chr., auch wenn sie auf einen alten ägyptischen Stoff zurückgreift. Als Literatur der Exilszeit (586 - 538 v. Chr.) ist sie eine typische Diaspora-Erzählung, die die Gefahren jüdischer Existenz im Ausland am Schicksal Josefs fest-macht. Redaktionsgeschichtlich wird die Josefserzählung dergestalt mit den Erzelternerzäh-lungen verbunden, dass sie wieder im verheißenen Land endet, in das der Ahnherr Jakob nach Palästina überführt und dort begraben wird (Gen 50,1-11). Auch die Gebeine Josefs werden nach Ex 13,19 und Jos 24,32 nach Israel zurückgebracht. Somit ist die Rückkehr aus dem Exil endgültig besiegelt. Das zeigt sich auch daran, dass keiner der Protagonisten im Ausland begraben ist.
    Der heutige Leser muss sich bewusst werden, dass die Erzählungen des AT zwar immer von etwas Vergangenem reden, aber darin den Zustand beschreiben, der die Gegenwart des Schreibers bestimmt, d. h. in diesem Fall, dass der Stoff des Flutmythos und der Josefsnovelle zwar aus älterer Zeit stammen, aber die biblischen Erzählungen Situation und Umfeld des babylonischen Exils wiedergeben. Es ist daher zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit zu unter-scheiden. Das heißt, dass die Erzählungen nicht mit der Historizität ihrer Inhalte stehen und fallen, sondern auch dort noch ihre Wirkung entfalten, wo der historische Bezugsrahmen des Volkes Israel nicht mehr gegeben ist. So werden sie zu zeitlosen Deutegeschichten, die uns auch heute noch betreffen.
    Aus: Reil, Elisabeth: Theologischer Leitfaden zum Fachlehrplan Katholische Religionslehre Grundschule. In: Katholisches Schulkommissariat in Bayern (Hg.): Handreichung zum LehrplanPLUS, Katholische Religionslehre in der Grundschule, München 2015, S. 33-55.
    www.rpz-bayern.de/handreichung_zum_lehrplan_plus.html

Ergänzende Informationen sind nicht Bestandteil des Lehrplans.