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Katholische Religionslehre 1/2 Abschnitt zur PDF-Sammlung hinzufügen

Grundschule: Die Zuwendung Jesu zu den Menschen – die Botschaft vom Reich Gottes

Erläuterung zum Lernbereich: „Die Zuwendung Jesu zu den Menschen – die Botschaft vom Reich Gottes“

  • Erläuterung_GS_1-2_LB6

    Religionspädagogisches Zentrum in Bayern
    Jahrgangsstufe 1/2 Theologische Grundlegung zum Lernbereich 6
    Die Zuwendung Jesu zu den Menschen – die Botschaft vom Reich Gottes
    Im Schicksal Jesu in allen seinen Dimensionen – seinen Worten, seinem Tun, in Leiden und Auferstehung – wird das Reich Gottes sichtbar. Jesu Erscheinen ist identisch mit dem Er-scheinen des Reiches Gottes. Es ist die Schlüsselkategorie des Christentums überhaupt. Ohne die Rede vom Reich Gottes würden die neutestamentlichen Texte schöne Erinnerungen an einen guten Menschen sein, und wer weiß, ob die Geschichte von Jesus dann überhaupt die Zeitläufe überdauert und unsere Gegenwart erreicht hätte, geschweige denn, dass sie noch heute ihre Wirksamkeit entfalten würde. Wenn überhaupt, dann bestünde die Geschichte Jesu nur aus Geschichten der Vergangenheit, aus mehr oder weniger utopischen Erzählun-gen, die keine Verortung in Gegenwart und Zukunft mehr hätten. Sie wären Utopie im ur-sprünglichen Sinn dieses Wortes: „ou topia“ heißt „Nicht-Ort“. Erst die Rede vom Reich Gottes verortet den historischen Jesus in der Gegenwart als einen, mit dem die Menschen heute ihre Hoffnung auf Vollendung verbinden.
    Die Vorstellung vom Reich Gottes hat sich aber nicht erst in neutestamentlicher Zeit aus-gebildet. Jesus selbst hat damit auf eine Deutungskategorie zurückgegriffen, die ihren Ur-sprung im AT hat. Dort findet man sie als Bekenntnis zu Jahwe als den König, z. B. in Ps 93,1: „Der Herr ist König“ oder in Jes 52,7: „Dein Gott ist König“. Bewusst kontrastieren bereits die alttestamentlichen Autoren ihre Erfahrungen von der Gewalt, die von den altorientalischen Herrschern geprägt war und die ihren Alltag mitbestimmt hat, mit der Herrschaft Jahwes. Damit wollten sie ausdrücken: Anders als jene Herrscher missbraucht Jahwe die Völker nicht als Verfügungsmasse für den eigenen herrscherlichen Willen, sondern er setzt seine Herr-schaft ein, um den Frieden zu bringen. Seine Herrschaft verheißt allen Völkern Frieden und Rettung. Typisch bei Jesaja ist, dass er das herrscherliche Bild Gottes mit dem des sanften Hirten verbindet: „Seht, Gott der Herr kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm. Seht, er bringt einen Siegespreis mit: Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her. Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam“ (Jes 40,10-11). An anderer Stelle bringt Jesaja den An-fang der Gottesherrschaft mit der Geburt eines Kindes in Verbindung: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“ (Jes 9,5). Die Paral-lelen zu Jesus sind nicht zu übersehen. Die alttestamentlichen Vorstellungen von Gottesherr-schaft bündeln sich im NT in Jesus. So sehen die neutestamentlichen Schriftsteller in ihm die
    Erfüllung der jesajanischen Verheißung. Besonders deutlich wird der Zusammenhang in den Gottesknechtliedern des Jesaja (vgl. Jes 42,1-9; 49,1-9; 50,4-9; 52,13-53,12). Der Knecht Jah-wes, auf den Gott seinen Geist gelegt hat (Jes 42,2), ist dazu bestimmt, „das Licht für die Völ-ker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien“ (Jes 42,6.7). Hier sind die Wundererzählungen des NT bereits vorgezeichnet. Sie sind die Indizien für das anbrechende Reich Gottes. Jede ein-zelne Wundererzählung im NT ist in diesem Kontext zu lesen. Deswegen macht es Sinn, wenn der Lehrplan als erstes Beispiel für das Handeln Jesu die Heilung des blinden Bartimäus (Mk 10,46-52) nennt. Wenn Jesus heilt, so hat das Reich Gottes angefangen. Es sind aber nicht erst die neutestamentlichen Schriftsteller, die die alttestamentliche Theologie von der Got-tesherrschaft auf Jesus hin interpretieren; der historische Jesus selbst knüpft seine Sendung daran, denn man geht davon aus, dass seine Rede vom Reich Gottes zur ipsissima vox, zu seinen ureigenen Worten gehört.
    Wenn Jesus vom Reich Gottes redet, dann greift er einerseits auf Jesaja zurück, andererseits greift er die Sehnsucht seiner Zeit auf. Das Wort von der Gottesherrschaft hat im Zuge der leidvollen Befreiungskämpfe des jüdischen Volkes gegen die hellenistische (301-129 v. Chr.) und später die römische (ab 63 v. Chr.) Fremdherrschaft eine eminent politisch-nationale Be-deutung bekommen. Deswegen musste man die Vorstellung vom Reich Gottes den Men-schen damals, anders als heute, nicht lange erklären; sie lag in der Luft. Jesus hat sie auf ihre alttestamentliche Bedeutung zurückgeführt, die sie bei Jesaja hatte und sie gleichzeitig ge-genwärtig gesetzt in seiner Person. Wie schwer es selbst den Jüngern gefallen ist, sich von der politischen Vorstellung vom Reich Gottes zu verabschieden, zeigt die Bitte der Zebedäus-söhne, die sich einen einflussreichen Posten in diesem Reich Gottes sichern wollten (Mk 10,35-37). Jesus befreit die Reich-Gottes-Vorstellung von ihren politischen Beimengungen, verankert sie aber dennoch im Hier und Jetzt und eröffnet gleichzeitig eine Perspektive über Raum und Zeit hinaus. Die Kurzformel dafür heißt „schon und noch nicht“. Das Reich Gottes ist schon angebrochen, aber noch nicht vollendet. Im heilenden Tun Jesu wird es sichtbar. „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe“ (Mk 1,15). Nach Mt 12,28 und Lk 11,20 ist es sogar schon gekommen: „Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes, bzw. den Fin-ger Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen“. Es ist aber noch nicht vollendet. Das Reich Gottes bleibt in dieser Weltzeit eine offene Größe. Die Vaterunser-Bitte um das Kommen des Reiches Gottes wird also seine Gültigkeit behalten (Mt 6,11; Lk 11,2).
    Der Begriff vom Reich bzw. der Herrschaft Gottes, ist auch heute noch so zentral, weil er den Bogen spannt zwischen dem geschichtlichen Jesus, dem heute in der Kirche wirkenden Christus und unserer Hoffnung auf seine Wiederkunft. Die Hoffnung auf das Kommen Gottes nennen die Theologen „Eschatologie“. Das Reich Gottes hat somit einen eschatologischen Aspekt.
    Während die Menschen zur Zeit Jesu, aber auch noch die mittelalterlichen Menschen, die das Königtum als die einzig vorstellbare Herrschaftsform kannten, mit dem Begriff „Reich“ Vor-stellungsinhalte verbinden konnten, wirkt er auf moderne Menschen, die in Demokratien so-zialisiert wurden, eher fremd. Viele halten ihn für ein rückwärts gewandtes Wort. Der König und sein Reich sind Gegenstand von Märchen oder sie erfüllen in der Realpolitik höchstens
    noch Repräsentationspflichten. In Deutschland hat das Wort in Verbindung mit dem Natio-nalsozialismus einen besonders fatalen Klang.
    Daher ist es eine Herausforderung, mit sechs- bis siebenjährigen Kindern vom Reich Gottes zu sprechen. Sie kennen allenfalls das Adjektiv „reich“ in der Bedeutung von „wohlhabend“. Etymologisch haben Substantiv und Adjektiv zwar die gleiche Wurzel, in religionsdidaktischer Hinsicht ist dieser Vergleich aber nicht zielführend. Den Reich-Gottes-Begriff ganz auszu-blenden ist aber schon deshalb nicht angezeigt, weil es im wichtigsten Gebet der Christen-heit, dem Vaterunser, vorkommt.
    Als Vorstellungshilfe entspricht der Begriff „Bereich“ noch am besten dem, was mit Reich Got-tes gemeint ist. Das Wort „Bereich“ drückt nicht nur eine räumliche Dimension aus, sondern auch eine Dimension der Zuständigkeit und Mächtigkeit. So ist z. B. der Geschäftsführer einer Institution zuständig für einen Bereich, für den er auch Vollmacht ausübt. Sein Wort gilt, und seine Unterschrift unter einem Dokument schafft Tatsachen. Reich Gottes bedeutet daher: das ist der („Zuständigkeits“-)Bereich Gottes.
    Das Reich Gottes erweist sich somit als etwas Dynamisches. Es ist nicht territorial zu verste-hen, also kein Gottesstaat, sondern eine Kraft, die von Gott ausgeht und Menschen befähigt, sich für die Sache Gottes einzusetzen. Es ist kein sichtbares Reich, sondern eines, das seine Wirksamkeit in den Herzen der Menschen entfaltet. Wenn Jesus Menschen in seine Nachfol-ge ruft, wenn er den Ohnmächtigen, zu denen auch die Kinder gehören, seine besondere Aufmerksamkeit schenkt, ist das Reich Gottes zu den Menschen gekommen.
    Aus: Reil, Elisabeth: Theologischer Leitfaden zum Fachlehrplan Katholische Religionslehre Grundschule. In: Katholisches Schulkommissariat in Bayern (Hg.): Handreichung zum LehrplanPLUS, Katholische Religionslehre in der Grundschule, München 2015, S. 33-55.
    www.rpz-bayern.de/handreichung_zum_lehrplan_plus.html

Ergänzende Informationen sind nicht Bestandteil des Lehrplans.