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Katholische Religionslehre 1/2 Abschnitt zur PDF-Sammlung hinzufügen

Grundschule: Jesus, der Christus – Leben, Leiden, Tod und Auferstehung

Erläuterung zum Lernbereich: „Jesus, der Christus – Leben, Leiden, Tod und Auferstehung“

  • Erläuterung_GS_1-2_LB7

    Religionspädagogisches Zentrum in Bayern
    Jahrgangsstufe 1/2 Theologische Grundlegung zum Lernbereich 7
    Jesus der Christus – Leben, Leiden, Tod und Auferstehung
    Dieser Lernbereich umfasst im Kern die gesamte Christologie – auf eine Kurzformel gebracht: Der irdische und gekreuzigte Jesus ist der auferstandene Christus und das Heil der Welt. Im Kontext des modernen naturwissenschaftlichen Weltbildes freilich erschließen sich Passion und Auferstehung Jesu nur schwer. Schon dem Kreuz als Symbol begegnet man heu-te oft mit Skepsis. Um das Kreuz im Schulzimmer brechen immer wieder Konflikte aus. Für die Akzeptanz des Sühnetodes Jesu fehlen selbst Christen oft die nötigen Verstehensvorausset-zungen. Viele ältere und vielleicht auch jüngere Christen erinnern sich noch an ein Abendge-bet aus ihrer Kindheit, in dem es hieß: „Hab ich Unrecht heut getan,/ sieh es lieber Gott nicht an./ Deine Gnad und Jesu Blut,/ machen allen Schaden gut.“ Wer möchte schon, dass die kleinen Verfehlungen von Kindern mit dem blutigen Kreuzestod Jesu abgegolten werden? Da ist es nur zu verständlich, dass sich Erwachsene, die eine solche religiöse Sozialisation erfah-ren haben, von dieser Vorstellung abwenden. Vielleicht wird deswegen heute nicht selten in der religiösen Erziehung die gegenteilige Position vertreten, nämlich dass Kinder im Religi-onsunterricht zwar den heilenden und menschenfreundlichen Jesus kennenlernen sollten, nicht aber den, der für uns gelitten hat. Aber hier beginnt das Dilemma. Der Sühnetod Jesu ist im NT an so vielen Stellen bezeugt, dass ein Ausweichen auch im Unterricht der Grund-schule kaum möglich ist. Der Sühnetod Jesu gehört zum Zentrum des christlichen Glaubens. Man kann sich das Thema auch nicht in der Weise vom Halse schaffen, dass man es auf eine spätere Phase in der Entwicklung Heranwachsender verlagert, denn dann hätte man es nicht nur aufgeschoben, man hätte überhaupt nichts vom Christentum vermittelt. Wer sich auf den Standpunkt zurückzieht, man könne von Jesus als von einem außergewöhnlichen und beson-ders guten Menschen sprechen, ohne auf Kreuz und Auferstehung zu verweisen, der kann genauso gut von Sokrates, Gandhi oder einem anderen Ausnahmemenschen erzählen, wenn er nur edel, hilfreich und gut ist. Vom Christentum reden heißt, vom gekreuzigten und aufer-standenen Jesus Christus reden. Alle seine Worte und Taten in seinem Leben hätten kein Ge-wicht und wären wahrscheinlich in der Geschichte versickert. Schließlich sind die Evangelien so angelegt, dass sie von ihrem Ende her, d. h. aus der Erfahrung von Kreuz und Auferste-hung zu verstehen sind. Die Passions- und Auferstehungserzählungen bilden den ältesten Kern der Evangelien. Deshalb hat sich auch der RU, wenn er denn ein christlich ausgerichteter sein will, dem zu stellen, auch in der Grundschule.
    Mit Blick auf das heutige Welt- und Menschenverständnis ergeben sich daraus zwei Fragen: (1) Wie können Menschen heute einen Zugang zum Verständnis des Sühnetodes Jesu, die-sem Zentrum des christlichen Erlösungsglaubens, finden?
    (2) Wie kann man heute unter den Bedingungen der Moderne an die Auferstehung Jesu glauben?
    (1) Der Sühnetod Jesu ist an so vielen Stellen des NT bezeugt, dass hier nur exemplarisch einige davon ausgewählt werden können. Sie lassen aber in ihrer Eindeutigkeit keinen Zweifel zu. Bei den Synoptikern heißt es in den Einsetzungsberichten des Herrenmahls, dass sein Blut vergossen wird für die vielen, bzw. bei Mt für euch: Mt 26,28; Mk 14,24; Lk 22,20. Bei Mt 26,28; Röm 3,25; 5,9; Eph 1,7 und Offb 1,5 wird das Blut des Gekreuzigten ausdrücklich in Anspruch genommen zur „Vergebung der Sünden“. Der Hebräerbrief, der gegen Ende des 1. Jhs. n. Chr. entstanden ist, spricht in zwei Kapiteln (9-10) ausführlich vom Opfer Christi. Gerade in dieser Schrift eröffnet sich aber auch ein Zugang zum Verständnis. Während den ersten Christusgläubigen die Sühnetheologie nicht fremd war – sie kannten sie aus den Er-zählungen von der Rettung aus Ägypten –, bedurfte es mit zunehmendem zeitlichem Ab-stand einer Deutung der Zusammenhänge, die der Hebräerbrief liefert. Beim Paschamahl erinnerten die Juden alljährlich an das Schlachten eines einjährigen, fehlerfreien Lammes, mit dessen Blut die Türpfosten bestrichen wurden, um dem Strafgericht gegen die Ägypter zu entgehen (Ex 12-13,16). In Lev 17 wird diese Erzählung dann im sog. Heiligkeitsgesetz mit einem alten Blutkult verbunden, bei dem das vergossene Blut eines Opfertieres mit Gott ver-söhnen soll. Die alte Erzählung wird somit in einen gottesdienstlichen Ritus eingebunden. In Lev 17,11 wird dieser Ritus mit folgenden Worten ausgedeutet: „Die Lebenskraft des Fleisches sitzt nämlich im Blut. Dieses Blut habe ich euch gegeben, damit ihr auf dem Altar für euer Leben die Sühne vollzieht; denn das Blut ist es, das für ein Leben sühnt.“ Das besagt: „Blut“ wird synonym für „Lebenskraft“ gebraucht. Die Sühne wird erwirkt, indem man Gott Leben für Leben gibt. Wer sich gegen Gott versündigt hat, ist dem Tod verfallen, weil er sich selbst von der Lebensader Gottes abgeschnitten hat. Mit dem Blut des Opfertieres erstattet er ihm rituell zurück, was ihm gehört: das Leben. In einer späteren Schrift des AT, in Jes 43,1-4 tritt nun an die Stelle des Rückerstattungsrituals Gott selbst. Er selbst löst den Sünder aus. In dieser Schriftstelle wird der Zustand des Sünders als eine Art Gefangenschaft beschrieben – als Ver-sklavung, aus der der Sünder losgekauft wird: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausge-löst […] Denn ich, der Herr bin dein Gott, ich, der Heilige Israels, bin dein Retter.“ An anderen Stellen bei Jesaja, in den sog. Gottesknechtliedern, tritt der Löser als Mittler auf, der den Blin-den die Augen öffnet, die Gefangenen aus dem Kerker holt (Jes 42,7), unsere Krankheiten trägt und unsere Schmerzen auf sich lädt (53,4). Diese Stellen bilden für die neutestamentli-chen Autoren die Grundlage für die Interpretation des Kreuzestodes Jesu. Was also im NT verkürzt als „Blutvergießen für unsere Sünden“ bezeichnet wird, muss unter Einbeziehung der Heilsankündigung bei Jesaja gelesen werden. Dann erschließt sich ein umfassenderer Sinn. Es bedeutet dann: Befreiung aus den Verstrickungen unseres Daseins, weil Jesus an unsere Seite tritt, uns auslöst, indem er unseren Weg ins Unheil nachgeht, alles durchschreitet, was Men-schen durchschreiten müssen, bis hinein in die Unerbittlichkeit des Todes, bis er uns in unse-rem „Kerker“ findet. Es geht also beim Sühnetod Jesu nicht um das kleinliche Abgelten von einzelnen Schulden, sozusagen Blutstropfen für Blutstropfen, sondern um das Eintreten Jesu
    für unsere ganze Existenz. Wenn wir für Kinder die symbolische Bedeutung des Blutes aufzei-gen wollen, können wir ihnen sagen: Jesus tritt mit seinem ganzen Leben für unser ganzes Leben ein. Alles, was in unserem Leben unvollendet bleibt, was vielleicht sogar ganz abge-brochen ist, unterfängt er mit dem seinen. Er lebt unser Leben, er stirbt unseren Tod. Stellen wir uns einen Menschen vor, der andere aus der Todesgefahr rettet, z. B. im Gebirge. Geht er unseren Weg nach, begibt er sich dabei selber in Gefahr, bis er uns gefunden hat. Im äußers-ten Fall gibt er dabei sein Leben, damit wir nicht ins Verderben stürzen. Auf Christus bezogen heißt das: Er vergießt sein Blut für unsere Sünden.
    Die neutestamentlichen Schriftsteller waren Juden und holten sich deswegen Denkhilfen aus dem AT. Dabei zogen sie Parallelen zwischen dem Paschamahl der Israeliten und dem Tod Jesu. Sie deuteten Jesus selbst als das neue Opferlamm, dessen Blut die Glaubenden rettet wie in jener alten Geschichte aus Ex 12. Sie wollten sagen: so wie das Blut des Lammes den Israeliten damals die Freiheit aus der Knechtschaft der Ägypter erwirkt hat, so erwirkt Jesus mit seinem Leben die Freiheit vom Tod.
    (2) Der Auferstehungsglaube heute: Wir leben in einer Welt, in der sich die Wahrheitsfrage fast ausschließlich an die empirisch-naturwissenschaftliche Nachprüfbarkeit knüpft. Das aber ist ein Fehlschluss, der sich leicht entkräften lässt, wenn man sich folgendes Beispiel vor Au-gen führt: Was ist ein Kunstwerk? Wer ein Kunstwerk nur mit naturwissenschaftlichen Metho-den analysieren will, kann zwar alles über die chemischen Bestandteile der Farben herausfin-den, über das Kunstwerk selbst findet er nichts heraus. Ein Kunstwerk lässt sich nicht im Che-mielabor analysieren. Oder nehmen wir die Literatur: naturwissenschaftlich gesehen besteht z. B. ein Roman von THOMAS MANN aus den Substanzen Papier und Druckerschwärze. Aber das, was Literatur ist, stellt nicht der Buchdrucker her. Literatur ist nicht Papier. Dieses ist nur der materielle Träger einer Wirklichkeit, die als empirisch greifbarer Gegenstand in der Welt eben nicht existiert. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: unsere Gedanken! Niemand wird bezweifeln, dass es die Gedanken gibt. Es gibt sie, auch wenn wir sie nie geäußert haben; kein Chirurg der Welt könnte in unserem Gehirn Gedanken finden. Mit solchen oder ähnlichen Hilfsvorstellungen können Kinder dafür sensibilisiert werden, dass es sogar in unserer Men-schenwelt Wirklichkeiten gibt, die sich von der Empirie nicht beweisen lassen und dennoch gibt es sie.
    Die Auferstehung oder Auferweckung Jesu ist eine Wirklichkeit, die man mit empirischen Me-thoden nicht nachweisen kann. Ostern ist etwas, das sich auch dem Historiker grundsätzlich entzieht. Blickt man auf die Osterzeugnisse des NT, so fällt auf, dass darin keinerlei Interesse an der Frage besteht, ob ein Toter wieder lebendig werden kann. Selbst die Rede vom leeren Grab steht nicht im Mittelpunkt der Ostererzählungen. Im Mittelpunkt stehen die Erscheinun-gen des Auferstandenen, die Begegnungen mit ihm; sie haben den Osterglauben initiiert. In der Sprache des NT steht für Erscheinung stets das Verb „er zeigte sich“, d. h. er hat sich ihnen als der Auferstandene erwiesen. Hier ist es wichtig, auf Paulus zu hören, denn er hat am unspektakulärsten davon berichtet, indem er sagt: „Er hat seinen Sohn in mir geoffenbart“ (Gal 1,16). Berücksichtigt man alle Auferstehungszeugnisse des NT, nicht nur die der Evange-lien, so fällt auf: dieses Sich-Zeigen des Auferstandenen war alles andere als ein Exklusiver-eignis für wenige Auserwählte, die dann den anderen ihre besondere Erfahrung mitgeteilt hätten. In 1 Kor 15,6 sind es sogar 500 Brüder auf einmal, denen sich der Auferstandene
    zeigte. Recht viel größer dürfte die Gemeinde in Jerusalem damals kaum gewesen sein. Das heißt also, die ganze Gemeinde war Zeugin, dass Jesus lebt. Es gibt jedoch keine Anhalts-punkte dafür, wie wir uns diese Erfahrung vorzustellen haben. Die wichtigste Frage an die biblischen Texte ist daher nicht: Was ist passiert?, sondern: Was wollen die biblischen Schrift-steller ihren Hörern mitteilen? Jesus, der gestorben ist und begraben wurde, lebt durch Got-tes Tat. „Er ist erschienen“ heißt: er hat sich den Seinen als der Lebendige zu erkennen gege-ben. Ihn konnte der Tod nicht gefangen halten. So hat in ihm wirklich das Leben den Tod besiegt. Das aber kann nur eine Tat Gottes sein. Das Leben des Auferstandenen ist mit nichts zu vergleichen, was sich auf dieser Welt je zugetragen hat und zutragen wird. Deswegen darf im Unterricht niemals die Vorstellung suggeriert werden, es sei ein Leichnam wieder belebt worden. Das neue Leben Jesu sprengt alles, was wir aufgrund unserer Erfahrung „Leben“ nennen. Es ist festzuhalten, dass die Wirklichkeit der Auferstehung nicht außerhalb des Glau-bens zu fassen ist, ebenso wenig wie die Wirklichkeit Gottes selbst. Das spezifisch Christliche des Gottesglaubens, das ihn von anderen Religionen unterscheidet, ist gerade das: Gott lebt nicht fern von den Menschen, er schaut ihnen auch nicht nur von außen zu, sondern er stirbt in diese Welt hinein, wird ein Teil von ihr, um ihr größtes Übel, den Tod, an der Wurzel zu fassen. Die Metapher dafür ist die Rede vom „Blutvergießen für unsere Sünden“, eine Meta-pher, die deswegen nicht mehr verstanden wird, weil ihr archaische Vorstellungen zugrunde liegen, die heute vergessen sind. Die Auseinandersetzung mit diesen Vorstellungen helfen uns aber, den Text tiefer wahrzunehmen. Diese Auseinandersetzung sollte auch Kindern nicht vorenthalten werden. Ein zu glatter, zu sehr entschärfter Text ist ein uninteressanter und letzt-lich nichtssagender Text. Zum Sprachgebrauch „Auferstehung“, bzw. „Auferweckung“ sei ab-schließend folgendes angemerkt: Auch wenn der Lehrplan beide Begriffe abwechselnd ver-wendet, so muss dem keine besondere Bedeutung beigemessen werden. Damit wird lediglich eine dop-pelseitige Dynamik der Tat desselben Gottes angezeigt. Bei „Auferweckung“ denkt man an das Aufwachen eines Schlafenden, bei „Auferstehung“ an das Aufstehen des Geweck-ten. Der Unterscheidung dieser Begriffe wird heute in der Exegese keine spezielle theologi-sche Bedeutung mehr unterlegt. Schon Paulus hat beide Formen vorgefunden und verwendet sie synonym sogar im selben Brief: vgl. 1 Thess 1,10; 4,14.
    Aus: Reil, Elisabeth: Theologischer Leitfaden zum Fachlehrplan Katholische Religionslehre Grundschule. In: Katholisches Schulkommissariat in Bayern (Hg.): Handreichung zum LehrplanPLUS, Katholische Religionslehre in der Grundschule, München 2015, S. 33-55.
    www.rpz-bayern.de/handreichung_zum_lehrplan_plus.html

Ergänzende Informationen sind nicht Bestandteil des Lehrplans.