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Katholische Religionslehre 3/4 Abschnitt zur PDF-Sammlung hinzufügen

Grundschule: Mit Gott auf dem Weg – Glaubenserfahrungen des Volkes Israel

Erläuterung zum Lernbereich: „Mit Gott auf dem Weg – Glaubenserfahrungen des Volkes Israel “

  • Erläuterung_GS_3-4_LB6

    Religionspädagogisches Zentrum in Bayern
    Jahrgangsstufe 3/4 Theologische Grundlegung zum Lernbereich 6
    Mit Gott auf dem Weg – Glaubenserfahrungen des Volkes Israel
    Das Exodus-Thema ist der Fokus, auf den das gesamte alttestamentliche Schrifttum zuläuft. Es wird von der gesamten alttestamentlichen Theologie in immer wieder neuen Variationen verarbeitet: die Menschen geraten ins Unheil; sie werden von Gott gerettet und befreit; sie erweisen sich abermals als untreu; dennoch bleibt Gott ihnen treu und schließt mit ihnen ei-nen Bund auf ewig. Dieses Thema ist gleichermaßen zentral für Juden und Christen. Im AT wird es insbesondere in den Prophetenbüchern und Psalmen in immer neuen Situationen und Zusammenhängen variiert. Auch wenn im NT die Rettungstat Jahwes zu Gunsten der Rettung durch den Auferstandenen in den Hintergrund tritt, so taucht sie als Ermutigung in neutestamentlichen Predigttexten wieder auf. Der älteste Beleg hierfür ist die Rede des Ste-phanus in Apg 7,6f. Auch Paulus erinnert in 1 Kor 10,1-13 daran und in Hebr 4,1-11 wird sie zum Paradigma für das wandernde Gottesvolk schlechthin, das nach christlichem Verständnis die Kirche ist. Alle diese Bezüge, aber auch die originären Textstellen im Buch Exodus selbst zeigen, dass das Exodus-Thema stets typologisch verstanden worden ist. Deshalb liegt der Schwerpunkt nicht auf einem Ereignis, das ohnehin nicht historisch nachweisbar ist, sondern auf dem Glauben des alttestamentlichen Gottesvolkes und der neutestamentlichen Christen-gemeinden. Das gilt ebenso für den Glauben des Einzelnen, der sich in seiner Not an Gott wendet, wovon z. B. Ps 69,2-3 spricht: „Hilf mir, o Gott! Schon reicht mir das Wasser bis an die Kehle. Ich bin in tiefem Schlamm versunken und habe keinen Halt mehr; ich geriet in tiefes Wasser, die Strömung reißt mich fort.“ Diese Theologie spiegelt sich in den Kompetenzerwar-tungen dieses Lernbereichs: „Die Schülerinnen und Schüler stellen die Erzählung vom Exodus […] in Bezug zu eigenen Erfahrungen“. Insofern ist es an dieser Stelle geboten, die Exodus-Erzäh-lungen in den Erfahrungen der Jahwe-Gemeinde der Exilszeit zu verorten. Es müssen dabei nicht Details aus dieser Zeit an die Kinder herangetragen werden. Es genügt, wenn man ih-nen bewusst macht, dass sich das Volk Israel, als es von Siegermächten unterdrückt und vertrieben worden ist, an diese alte Erzählung gehalten hat, dadurch getröstet worden ist und neue Hoffnung geschöpft hat. Dieser rote Faden sollte im Hintergrund immer mit bedacht werden, auch wenn man im Verlauf die Erzählung selbst durchaus dramatisierend ausgestal-ten kann, auch unter Einbeziehung kreativer Elemente. Ohne den historischen Entstehungs-kontext ausdrücklich zu thematisieren, kann das Bewusstsein dafür erzählerisch offen gehal-ten werden. Das AT ist nun einmal ein ganz und gar theologisches Buch und ein literarisches Werk, aber kein Geschichtsbuch. Alle seine Verfasser haben für die Deutung ihres eigenen Glaubens und des Glaubens ihrer Gemeinschaft alle zugänglichen Erzählungen aus der
    Vergangenheit herangezogen und neu reflektiert. Deswegen lässt sich auch die Historizität nicht aus der Theologie der Texte herauslösen, so dass man sie als eigene Quelle für ge-schichtliche Ereignisse gebrauchen könnte. Nur von diesem Ansatz her können die Kompe-tenzerwartungen des Lernbereichs erfüllt werden.
    Auch wenn die Entstehung der Exodus-Erzählungen traditionell mit der Herrschaft von Pharao Ramses II. (13. Jh. v. Chr.) in Verbindung gebracht wurden, kann mit einer Verschriftli-chung dieser Texte nicht vor dem 8. Jh. v. Chr. gerechnet werden. In der alttestamentlichen Wissenschaft ist es heute Konsens, dass das babylonische Exil der Kristallisationspunkt für die alttestamentliche Schriftwerdung war. Dieses einschneidende Ereignis hat das Gottesbild der Judäer, die aus den lang anhaltenden Eroberungen als Restvolk übrig geblieben sind, nach-haltig geprägt. Aus der Gotteserfahrung im Exil und der damit verbundenen kulturellen Be-rührung mit anderen Gottesvorstellungen ist der jüdische Monotheismus hervorgegangen, der im christlichen weitergeführt wurde. Texte, die vor dem Exil schon in einzelnen Erzähl-kränzen vorhanden waren, wurden unter dem Eindruck des Exils in mehreren Etappen bear-beitet, fortgeschrieben und neu interpretiert. Das gilt für die Prophetenbücher ebenso wie für den Pentateuch. Der Pentateuch, zu dem das Buch Exodus gehört, ist um 400 v. Chr. zum Abschluss gekommen.
    Der Dekalog als Bestandteil des Buches Exodus sowie – in einer zweiten Fassung – auch des Buches Deuteronomium (5,6-22) wird im NT nicht thematisiert, denn nach der Theologie des Paulus wurde das Gesetz durch die Gnade überboten. In Röm 7,6 spitzt Paulus das auf die Aussage zu: „Wir sind tot für das Gesetz und dienen in der neuen Wirklichkeit des Geistes, nicht mehr in der alten des Buchstabens.“ So ist es auch verständlich, dass der Dekalog bei den frühen Kirchenvätern kaum eine Rolle gespielt hat. Erst AUGUSTINUS (354-430) hat ihn bewusst in seine Unterweisungen für die Neugetauften einbezogen, indem er ihn mit dem jesuanischen Doppelgebot der Gottes-und Nächstenliebe (Mk 12,30) verbunden und so zu einem interpretierenden Kriterium auch für neutestamentliche Theologie gemacht hat. Auf Augustinus geht die Zuordnung der Gebote 1-3 auf die erste Tafel (Gottesliebe) und die Zu-ordnung der Gebote 4-10 auf die zweite Tafel (Nächstenliebe) zurück; im AT ist nur von zwei Tafeln ganz allgemein die Rede (Ex 24,12; 32,16 und Dtn 4,13; 5,22). Überdies haben durch Augustinus die zehn Gebote Eingang in die Taufkatechesen und die Bußpraxis erhalten.
    Da der Dekalog kein Exklusivgesetzbuch für Juden und Christen ist, sondern eine umfassende sittliche Ordnung für das Zusammenleben von Menschen überhaupt, ist es gerechtfertigt, im Sinne der Gewissenserziehung, auch Kindern seine Bedeutung bewusst zu machen. Der Be-gründungszusammenhang könnte lauten: Es braucht eine Ordnung unter den Menschen; Ordnungen ermöglichen das menschliche Zusammenleben; sie sorgen für Interessensaus-gleich und damit für Gerechtigkeit und Schutz; deswegen ist Gottes Ordnung eine Weisung zum guten Leben. In dieser Altersstufe wird man Schwerpunkte setzen, denn nicht alle Gebo-te sind für die Kinder gleichermaßen bedeutsam. Dennoch sollten das 6. und 9. Gebot nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden, auch wenn sie nur Erwachsene betreffen und in der früheren religiösen Unterweisung in sinnentstellender Weise an Kinder herangetragen wor-den sind. Ungeachtet dessen ist das Zerbrechen der Ehen vieler Eltern heute eine Realität und damit auch für Grundschulkinder eine große Belastung oder Befürchtung. Es ist hier nicht die
    Schuldfrage zu erörtern, sondern aus Sicht der Kinder zu fragen, ob nicht Gott bei diesem Gebot besonders an die Kinder gedacht hat, da es doch zu den Weisungen für ein gutes Le-ben zählt.
    Aus: Reil, Elisabeth: Theologischer Leitfaden zum Fachlehrplan Katholische Religionslehre Grundschule. In: Katholisches Schulkommissariat in Bayern (Hg.): Handreichung zum LehrplanPLUS, Katholische Religionslehre in der Grundschule, München 2015, S. 33-55.
    www.rpz-bayern.de/handreichung_zum_lehrplan_plus.html

Ergänzende Informationen sind nicht Bestandteil des Lehrplans.