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Katholische Religionslehre 3/4 Abschnitt zur PDF-Sammlung hinzufügen

Grundschule: Menschen anderer Religionen begegnen – Juden und Muslime

Erläuterung zum Lernbereich: „Menschen anderer Religionen begegnen – Juden und Muslime“

  • Erläuterung_GS_3-4_LB12

    Religionspädagogisches Zentrum in Bayern
    Jahrgangsstufe 3/4 Theologische Grundlegung zum Lernbereich 12
    Menschen anderer Religionen begegnen – Juden und Muslime
    Die Erläuterungen zum Lernbereich in der 3./4. Jahrgangsstufe bauen auf den Ausführungen zur 1./2. Jahrgangsstufe auf.
    Auch wenn die drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen als ab-rahamitische Religionen bezeichnet werden, so hat das Christentum zu der jeweils anderen Religion aus geschichtlichen und theologischen Gründen ein unterschiedliches Verhältnis.
    (1) Das Christentum ist unmittelbar aus dem Judentum erwachsen und zwar so, dass die jüdische Bibel als Ganze in das Glaubensgut des Christentums eingegangen ist. Die Juden sind demnach die älteren Brüder und Schwestern der Christen und diese sind ohne jene nicht denkbar. Das NT bezieht sein Gottesbild aus dem AT, der hebräischen Bibel. Sowohl die Evangelien als auch die Briefliteratur sind voll von wörtlichen Zitaten und Anspielungen, auch die theologische Argumentation des NT basiert auf dem AT. Umso unverständlicher ist es, dass die Juden die ganze abendländische Geschichte hindurch von den Christen ausgegrenzt, höchstens geduldet, oft gedemütigt und immer wieder vertrieben wurden, ganz zu schwei-gen vom dunkelsten Kapitel des Holocaust. Letzterer geht zwar nicht unmittelbar auf das Konto der Christen, aber für das, was sich an Antijudaismus und Antisemitismus über die Jahrtausende angestaut hat, tragen die Christen eine Mitverantwortung. Deswegen sind sie verpflichtet, sich heute und in Zukunft vor die Juden zu stellen und einem neu aufkommen-den Antisemitismus entschieden entgegentreten. Wenn es um das Judentum geht, darf der Religionsunterricht nicht bei einer rein äußerlichen Wahrnehmung und Beschreibung von religiösen Gegebenheiten und Riten stehen bleiben. Es ist davon auszugehen, dass die we-nigsten Kinder schon mit jüdischem Leben in Berührung gekommen sind, außer vielleicht in den Großstädten. Nicht überall steht, wie in München, eine Synagoge im Stadtzentrum. Juden erkennt man nicht im Straßenbild; sie kleiden sich wie wir, sie verhalten sich wie wir, vertreten die gleichen Werte wie wir, sprechen wie wir, es sei denn, dass sie kürzlich als Aussiedler ins Land gekommen sind, aber das unterscheidet sie nicht von anderen Aussiedlern und Asylsu-chenden. Kurzum: Juden sind wie wir meistenfalls Deutsche und leben seit Jahrtausenden bei uns; trotzdem hat es die Christenheit immer wieder geschafft, sie zu stigmatisieren. Über das Judentum wird man mit Kindern am besten reden können, wenn man ihnen Begegnungen mit konkreten jüdischen Gemeinden, mit Synagogen oder ggf. mit jüdischen Schulen ermög-licht. Andernfalls geht der Weg über das Erzählen unter Einbeziehung diverser Medien; auch jüdische Weisheitserzählungen gehören dazu. Wovon abzuraten ist, was aber in manchen
    Praxisvorlagen gelegentlich angeboten wird, ist das Imitieren religiöser Handlungen, z. B. des Seder-Mahls. Man stelle sich einmal umgekehrt vor, wie Christen es empfinden würden, wenn Juden oder Muslime unsere Eucharistiefeier nachspielen.
    (2) Zum Islam hat das Christentum eine andere Beziehung als zum Judentum. Muslime un-terscheiden sich mitunter im öffentlichen Bild durch eine besondere Kleidung der Frauen, seltener der Männer, am auffälligsten durch das Kopftuch, das inzwischen zu einem Politikum geworden ist. Gerade weil das Verhältnis zum Islam derzeit wegen diverser politischer Ver-werfungen weltweit problematisch geworden ist, ist es eine dringliche Aufgabe, dass sich Kinder beider Religionen von klein auf kennenlernen und einander wertschätzen. Dabei ist es wichtig, das Verbindende hervorzuheben: den Glauben an den einen Gott, der die Welt er-schaffen hat, die Wertschätzung einer heiligen Schrift als Wort Gottes und die darin begrün-dete Ethik. Allerdings braucht der Unterricht über den Islam nicht zu verschweigen, dass nicht gegenüber allen islamischen Gruppierungen Unbekümmertheit angebracht ist, denn Kinder können von den aktuellen öffentlichen Diskussionen nicht abgekoppelt oder isoliert werden. Gerade das macht den Unterricht über die Muslime heute zu einer besonderen Herausforde-rung. Große Hoffnung richtet sich dabei auf liberale islamische Verbände und auf Einrichtun-gen wie den „Gesprächskreis Christen und Muslime“ beim Zentralkomitee der deutschen Ka-tholiken sowie auf diverse Stimmen von muslimischen Theologen an deutschen Universitäten. Es gibt mittlerweile Lexika und Handbücher zu Christentum und Islam, die von Wissenschaft-lern beider Religionen herausgegeben werden. Viele Islamwissenschaftler sehen den Fokus der Probleme mit dem extremistischen Islam in der schlechten religiösen Allgemeinbildung. Eine der wichtigsten Aufgaben der islamischen Theologie ist es, eine Koran-Exegese voranzu-treiben, die den Text aus der historischen Situation heraus interpretiert, in der er entstanden ist, denn die Bedeutung eines Textes kann nicht unabhängig von seinem Kontext erschlossen werden; das gilt für alle „heiligen Schriften“. Eine vom Kontext losgelöste Verabsolutierung heiliger Texte – sowohl vom Kontext der Entstehungszeit wie vom Kontext heute – führt zu fundamentalistischer Verengung.
    Die Krisen um den politisch weltweit agierenden Islam können freilich nicht in der Grund-schule gelöst werden, aber es können dort Formen des Zusammenlebens eingeübt werden, damit sich die Milieus nicht weiterhin gegenseitig verdächtigen und ausgrenzen, und damit sich in der nachwachsenden Generation ein differenziertes Bewusstsein für das Andere und Fremde entwickeln kann. Auch der christliche Religionsunterricht steht dafür in der Pflicht.
    Wenn dem Islam immer wieder unterstellt wird, er würde Intoleranz gegenüber den Anders-, bzw. Ungläubigen lehren, so sollte man sich an folgendem Koranvers orientieren: „Diejenigen, die glauben (d. h. die Muslime) und diejenigen, die dem Judentum angehören, und die Chris-ten und die Sabäer, – (alle) die, die an Gott und den jüngsten Tag glauben und tun, was recht ist, denen steht bei ihrem Herrn ihr Lohn zu, und sie brauchen (wegen des Gerichts) keine Angst zu haben, und sie werden (nach der Abrechnung am jüngsten Tag) nicht traurig sein“ (Sure 2,62). Dieser Vers schließt alle Angehörigen der damals in Arabien bekannten Religio-nen ausdrücklich mit ein. Er besagt, dass niemand vom Heil ausgeschlossen ist, wenn er die Kernbedingungen des islamischen Glaubens erfüllt: an Gott glauben und daran, dass für sein Tun am Jüngsten Tag Rechenschaft verlangt wird. Dem christlichen Religionsunterricht kann heute durchaus die Aufgabe zufallen, einem ideologisch verengten Islam auf die Sprünge zu
    helfen und ihn auf seine eigene, viel offenere Tradition hinzuweisen. Somit kann der Religi-onsunterricht zu einem Geburtshelfer werden für einen demokratieverträglichen Islam.
    An diesem Beispiel wird deutlich, dass der Dialog den Religionen gegenseitig helfen kann, ihr jeweils eigenes Profil zu stärken und enge Positionen zu hinterfragen. Einen schlechten Dienst würde man den Schülerinnen und Schülern erweisen, wollte man ihnen einreden, dass am Ende doch alle Religionen gleich sind, weil doch alle an Gott glauben. Wenn die Verschie-denheiten unter den Religionen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zusammengekürzt werden, verschwindet Religion als Praxis und es bliebe nichts als eine deistische Denkfigur übrig, d. h. ein Gott als abstrakte Idee, zu der keine personale Beziehung mehr besteht und mit der es keine Geschichte mehr gibt. Die unterschiedlichen Glaubensvollzüge in den Religi-onen sind Ausdruck einer kulturellen Vielfalt, die wesensmäßig zum Menschsein gehört. Die Verschiedenheit der Religionen kann man gut mit der Verschiedenheit der Sprachen verglei-chen: auch wenn ich fremde Sprachen erlerne, wird doch meine eigene Muttersprache die Sprache des Herzens und mein Bezugspunkt bleiben. Meine Religion ist meine Sprache, um mit Gott in Kontakt zu treten. Umgekehrt kann man mit GOETHE sagen: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen“ (Maximen und Reflexionen; II.; Nr. 23, 91). Wenn wir anderen Religionen begegnen, entdecken wir die Kostbarkeiten unserer eigenen Religion wieder neu.
    Die Beschäftigung mit anderen Religionen kann als Erkenntnisort für das eigene theologi-sche Denken, für die eigene Glaubensüberzeugung, fruchtbar gemacht werden. Das ist das Anliegen der sog. Komparativen Theologie, die im Gegensatz zur Religionswissenschaft, die anderen Religionen nicht von außen und von einem scheinbar objektiven Standpunkt aus betrachtet, sondern bewusst im Dialog und in Gegenseitigkeit die Potenziale des eigenen Glaubens neu entdeckt. So gesehen verhilft der Dialog mit den anderen Religionen zur Ent-deckung und Vertiefung der eigenen Überzeugungen.
    Diese Chance kann gerade unter Einbeziehung muslimischer Kinder, von denen es fast an jeder Schule welche gibt, genutzt werden, indem die Kinder von ihren religiösen Riten erzäh-len und auf die Frage: „Warum macht ihr das?“, nach den Gründen ihrer eigenen Glaubens-praxis suchen; ggf. lässt sich das in einem Projekt verwirklichen.
    Aus: Reil, Elisabeth: Theologischer Leitfaden zum Fachlehrplan Katholische Religionslehre Grundschule. In: Katholisches Schulkommissariat in Bayern (Hg.): Handreichung zum LehrplanPLUS, Katholische Religionslehre in der Grundschule, München 2015, S. 33-55.
    www.rpz-bayern.de/handreichung_zum_lehrplan_plus.html

Ergänzende Informationen sind nicht Bestandteil des Lehrplans.